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214 Wolfram von Eschenbach: Parzival

 
mîn hêrre und der bruoder mîn 
kôs im eine vriundîn, 
des in dûht, mit guotem site. 
20 swer diu was, daz sî dâ mite. 20 
in ir dienst er sich zôch, 
sô daz diu zageheit in vlôch. 
des wart von sîner clâren hant 
verdürkelt manec schildes rant. 
25 da bejagte an âventiure 25 
der süeze unt der gehiure, 
wart ie hôher prîs erkant 
über elliu ritterlîchiu lant, 
von dem mære was er der vrîe. 
Amor was sîn crîe. 
479 Der ruoft ist zer dêmuot 479 
iedoch niht volleclîchen guot. 
eins tages der künec al eine reit 
(daz was gar den sînen leit) 
5 ûz durch âventiure, 5 
durch vröude an minnen stiure: 
des twanc in der minnen ger. 
mit einem gelupten sper 
war er ze tjostieren wunt 
10 (sô daz er nimmer mêr gesunt 10 
wart, der süeze œheim dîn), 
durch die heidruose sîn. 
[...] 
732 Nu dâhte aber Parzivâl 732 
an sîn wîp die lieht gemâl 
und an ir kiuschen süeze. 
ob er kein ander grüeze 
5 daz er dienst nâch minne biete 5 
und sich unstæte niete? 
solch minne wirt von im gespart. 
grôz triwe het im sô bewart 
sîn manlîch herze und ouch den lîp, 
10 daz für wâr nie ander wîp 10 
wart gewaldec sîner minne, 
niwan diu küneginne 
Condwîr âmûrs, 
diu geflôrierte bêâ flûrs.
 
Wolfram von Eschenbach: Parzival 215
 
 

Mein Herr und Bruder suchte sich / eine edle Freundin aus, / die ihm charaktervoll erschien—

(20) wer sie war, muß offen bleiben. / In ihrem Dienste zog er los, / er ließ die Feigheit hinter sich. / Er hat mit seiner starken Hand / so manchen Schildrand eingekerbt.

(25) Der schöne, angenehme Mann / war ständig hinter Kämpfen her—/ daß einer noch mehr Ruhm errang in Ländern mit dem Ritterstand, / das ließe sich bei ihm nicht sagen! / «Amor!» war sein cri de guerre;27

(479) dieser Ruf ist nicht der beste / der Beweise für die Demut! / Eines Tages ritt der König—/ was seinem Anhang gar nicht recht war—

(5) alleine in das Abenteuer: / die Liebe übernahm die Führung, / Liebeslust zwang ihm das auf. / Er wurde als Tjosteur28 verwundet, / die Lanzenspitze war vergiftet,

(10) und so wurde denn dein guter / Onkel niemals mehr gesund—/ der Stoß ging durch die Hoden."

The Gawan narrative now resumes, but both Parzival and Gawan more or less disappear behind the adventures of Gramoflans in Books 13 and 14. After courting Antikonie and Obilot, the knight becomes devoted to a proud lady, Orgeluse,29 who sets him difficult and dangerous tasks to test the love he professes for her.

The most amazing adventures are those at Château Merveille—«Chastel [de la] merveille» in Old French—, the Castle of Wonders, where Wolfram seems to be parodying some of the clichés of Arthurian romance. There Gawan is severely injured and is subsequently brought before Arnive, King Arthur’s mother, who cures his wounds. She as well as Sangive, Gawan’s mother, and his sisters, Cundrie and Itonje, are held captive in a castle belonging to the magician Klingsor. Itonje is in love with Gramoflans, whom Gawan has to fight for the honor of the widowed Orgeluse. After returning Arthur’s relations to him when the court comes near the Castle of Wonders, Gawan practices for his forthcoming joust with Gramoflans. Gawan is not yet well enough to fight Gramoflans, and Parzival decides to fight in his stead. He is on the point of defeating him when Gawan himself arrives. Gawan and Gramoflans are reconciled, Gawan is united with Orgeluse and there is general happiness. Only the wretched Parzival steals away in loneliness with tender thoughts about his wife:

(732) Nun dachte Parzival erneut / an seine strahlend schöne Frau / und ihre sanfte Lieblichkeit. / Ob er um eine andre wirbt,

(5) indem er Dienst für Liebe bietet, / ihr damit untreu werden will—? / Sein Herz voll Mut, sein ganzes Wesen / blieben in der Liebe treu, / so sehr, daß keine andre Frau

(10) zur Herrin seiner Liebe wurde—/ nur die Königin allein, Conduir-amour, belle fleur in vollem Flor ... / Er dachte: "Seit ich Liebe kenne—

216 Wolfram von Eschenbach: Parzival

 
15 er dâhte "sît ich minnen kan, 15 
wie hât diu minne an mir getân? 
nu bin ich doch ûz minne erborn: 
wie hân ich minne alsus verlorn? 
sol ich nâch dem grâle ringen, 
20 sô muoz mich immer twingen 20 
ir kiuschlîcher umbevanc, 
von der ich schiet, des ist ze lanc. 
sol ich mit den ougen freude sehn 
und muoz mîn herze jâmers jehn, 
25 diu werc stênt ungelîche. 25 
hôhes muotes rîche 
wirt niemen solher pflihte. 
gelücke mich berihte, 
waz mirz wægest drumbe sî." 
im lac sîn harnasch nâhe bî. 
733 Er dahte "sît ich mangel hân 733 
daz den sældehaften undertân 
ist (ich mein die minne, 
diu manges trûrgen sinne 
5 mit freuden helfe ergeilet), 5 
sît ich des pin verteilet, 
ich enruoche nu waz mir geschiht. 
got wil mîner freude niht. 
diu mich twinget minnen gir, 
10 stüend unser minne, mîn unt ir, 10 
daz scheiden dar zuo hôrte 
sô daz uns zwîvel stôrte, 
ich möht wol zanderr minne komn: 
nu hât ir minne mir benomn 
15 ander mine und freudebæren trôst. 15 
ich pin trûrens unerlôst. 
gelücke müeze freude wern 
die endehafter freude gern: 
got gebe freude al disen scharn: 
20 ich wil ûz disen freuden varn." 20 
er greif dâ sîn harnasch lac, 
des er dicke al eine pflac, 
daz er sich palde wâpnde drîn. 
nu wil er werben niwen pîn. 
25 dô der freudenflühtec man 25 
het al sîn harnasch an, 
er sateltz ors mit sîner hant:
 
Wolfram von Eschenbach: Parzival 217
 
 

(15) wie ging die Liebe mit mir um? / Ich stamme von der Liebe ab—/ wie verlor ich da die Liebe?! / Kämpfend suche ich den Gral, / doch beherrscht mich stets der Wunsch,

(20) daß sie mich ehelich umarmt—/ schon viel zu lang sind wir getrennt./ Sehen meine Augen Glück, / und leide ich im Herzen Qual, / so paßt dies beides nicht zusammen.

(25) Keiner wird in solcher Lage / reich an Hochgefühlen sein. / Möge mir das Schicksal zeigen, / was für mich am besten ist." / Die Rüstung lag ganz nah bei ihm ...

(733) Er dachte weiter: "Seit mir fehlt, / worüber Glückliche verfügen—/ was ich meine, ist die Liebe, / die manches Herz, das traurig ist,

(5) mit Glückes Hilfe fröhlich macht—/ weil ich hier keinen Anteil habe, / schert mich nicht, was mir passiert. / Gott will nicht, daß ich glücklich bin. / Sie zwingt mir Liebessehnsucht auf.

(10) Stünd es so um unsere Liebe, / daß Trennung in ihr möglich wäre, / weil uns Wankelmut verstört, / so fänd ich sicher andre Liebe. / Doch lieb ich sie, und das verhindert

(15) andre Liebe, Glückserfüllung. / Ich bin vom Leiden nicht befreit. / Das Schicksal schenke allen Freude, / die Freude wünschen von Bestand;

(20) ich reit von diesen Freuden weg." / Und er griff zu seiner Rüstung, / legte sie sich an, behend—/ er hat dies oft allein getan.

(25) Als der Mann, so freudenflüchtig, / seine ganze Rüstung trug, / sattelte er selbst das Pferd.

218 Wolfram von Eschenbach: Parzival

 
schilt unt sper bereit er vant. 
man hôrt sîn reise smorgens klagn. 
do er dannen schiet, do begundez tagn. 
[...] 
781 zuo Parzivâle sprach si dô 781 
"nu wis kiusche unt dâ bî vrô. 
wol dich des hôhen teiles, 
du crône menschen heiles! 
15 daz epitafjum ist gelesen: 15 
du solt des grâles hêrre wesen. 
Condwîr âmûrs daz wîp dîn 
und dîn sun Loherangrîn 
sint beidiu mit dir dar benant. 
20 dô du rûmdes Brôbarz daz lant, 20 
zwên süne si lebendec dô truoc. 
Kardeiz hât ouch dort genuoc. 
wære dir niht mêr sælden kunt, 
wan daz dîn wârhafter munt 
25 den werden unt den süezen 25 
mit rede nu sol grüezen: 
den künec Anfortas nu nert 
dîns mundes vrâge, diu im wert 
siufzebæren jâmer grôz: 
wâ wart an sælde ie dîn genôz?" 
[...] 
795 alweinde Parzivâl dô sprach 795 
"saget mir wâ der grâl hie lige. 
ob diu gotes güete an mir gesige, 
des wirt wol innen disiu schar." 
sîn venje er viel des endes dar 
25 drîstunt ze êrn der Trinitât: 25 
er warp daz müese werden rât 
des trûrgen mannes herzesêr. 
er rihte sich ûf und sprach dô mêr 
"œheim, waz wirret dir?" 
der durch sant Silvestern einen stier 
796 Von tôde lebendec dan hiez gên, 796 
unt der Lazarum bat ûf stên, 
der selbe half daz Anfortas 
wart gesunt unt wol genas. 
[...] 
810 der heiden vrâgte mære, 810 
wâ von diu goltvaz lære
 
Wolfram von Eschenbach: Parzival 219
 
 

Er fand den Schild, die Lanze vor. / Er brach früh auf—ein Grund für Klagen. / Als er losritt, begann es zu tagen.

The principal story line resumes when Parzival encounters a knight from the Orient who turns out to be his half-brother Fairefis. Neither is victorious, but Fairefis has the advantage when Parzival’s sword breaks. They make a truce and recognize one another. The two return to Arthur’s court, where they are well received. There Cundrie tells Parzival that his name has appeared on the Grail and that he is to be Grail king.

(781) Sie sagte dann zu Parzival: / "Freue dich—und wahr die Form! / Gepriesen sei dein hohes Los, / du Krone allen Menschenheils!

(15) Von der Inschrift las man ab: / du sollst der Herr des Grales sein. / Deine Gattin Conduir-amour / und dein Söhnchen Lohengrin / sind mit dir dorthin berufen.

(20) Als du Brobarce verlassen hattest, / war sie schwanger, mit zwei Söhnen. / Gardais hat dort Besitz genug. / Wäre dies dein höchstes Gück: / daß du, der stets die Wahrheit sagt,

(25) mit dem edlen, liebenswerten / Anfortas freundlich sprechen wirst—/ wer erreichte je dies Glück?! / Deine Frage wird Anfortas / retten, wird damit den König / von seufzerschwerem Leid befreien."
 
 

The two brothers are conducted to the Grail castle by Cundrie, and Anfortas begs Parzival either to say the words that will cure him or withdraw the Grail from his sight for a week so that he may die.

(795) Schluchzend sagte Parzival: / "Sagt mir, wo der Gral hier liegt. / Wenn Gottes Liebe an mir siegt, / so wird das die Gemeinschaft spüren!"

(25) Er kniete dreimal hin, in Richtung / Gral, der Trinität zu Ehren, / und erflehte die Befreiung / des armen Mannes von der Qual. / Er richtete sich auf und fragte: / "Oheim, sag, was quält dich so?" / Der Sankt Silvester einen Stier

(796) vom Tod erwecken und gehen ließ, / Der Lazarus erstehen hieß, / Derselbe half hier, daß Anfortas / gesundet, ja ganz genas.30
 
 

Parzival again meets his wife and sees his children for the first time; Gardeis is crowned lord of Parzival’s fiefs. While riding they pass by the hermitage in which Sigune lived and find her dead upon her lover’s coffin. The Grail is borne in before Parzival.

(810) Der Heide wollte nun erfahren, / was das leere Goldgeschirr

220 Wolfram von Eschenbach: Parzival

 
5 vor der tafeln wurden vol. 5 
daz wunder im tet ze sehen wol. 
dô sprach der clâre Anfortas, 
der im ze gesellen gegeben was, 
"hêr, sehet ir vor iu ligen den grâl?" 
10 dô sprach der heiden vêch gemâl 10 
"Ich ensihe niht wan ein achmardî: 
daz truoc mîn juncvrouwe uns bî, 
diu dort mit crône vor uns stêt. 
ir blic mir in das herze gêt. 
15 ich wânde sô starc wær mîn lîp, 15 
daz iemmer maget oder wîp 
mir vröuden craft benæme." 
[...] 
818 Feirefîz zem priester sprach 818 
"ist ez mir guot vür ungemach, 
ich gloube swes ir gebietet. 
ob mich ir minne mietet, 
5 sô leiste ich gerne sîn gebot. 5 
bruoder, hât dîn muome got, 
an den geloube ich unt an sie 
(sô grôze nôt enpfieng ich nie): 
al mîne gote sint verkorn. 
10 Secundille habe ouch verlorn 10 
swaz si an mir ie gêrte sich. 
durch dîner muomen got heiz toufen mich." 
man begund sîn cristenlîche pflegen 
und sprach ob im den toufes segen. 
[...] 
827 Ob von Troys meister Cristjân 827 
disem mære hât unreht getân, 
daz mac wol zürnen Kyôt, 
der uns diu rehten mære enbôt. 
5 endehaft giht der Provenzâl, 5 
wie Herzeloyden kint den grâl 
erwarp, als im daz gordent was, 
dô in verworhte Anfortas. 
von Provenz in tiuschiu lant 
10 diu rehten mære uns sint gesant, 10 
und dirre âventiure endes zil. 
niht mêr dâ von nu sprechen wil 
ich Wolfram von Eschenbach, 
wan als dort der meister sprach.
 
Wolfram von Eschenbach: Parzival 221
 
 

(5) vor der Tafel wieder füllte—/ dieses Wunder sah er gern! / Der schöne Anfortas, der gemeinsam / mit ihm speiste, fragte ihn: / "Seht Ihr nicht den Gral vor Euch?"

(10) Der gefleckt-gescheckte Heide: / "Ich sehe ein Tuch von Achmardi, / das brachte meine junge Herrin, / die dort mit der Krone steht. / Sie läßt mein Herz viel höher schlagen.

(15) Ich hielt mich schon für derart stark, / daß mir kein Mädchen, keine Frau / die Kraft des Glückes rauben konnte."

It is made clear by Titurel that Fairefis cannot see the Grail because he is a heathen; the hero himself is more concerned about Repanse de Joie. Fairefis agrees to baptism:

(818) Zum Priester sagte Fairefis: / "Wenn mir das gegen Kummer hilft, / so glaub ich alles, was Ihr sagt. / Wenn ihre Liebe mich belohnt,

(5) befolg ich gerne Sein Gebot. / Hat deine Tante einen Gott, / mein Bruder, glaube ich an ihn / und sie—ich bin in größter Not. / Ich schwöre meinen Göttern ab.

(10) Ich geb auch Secundille auf—/ so sehr sie sich mit mir erhöhte.31/ Beim Gott der Tante, laß mich taufen!" / Man nahm sich seiner christlich an, / sprach über ihm die Taufesformel.
 
 

The baptism is performed; Fairefis can now see the Grail. He departs with Repanse de Joie for ‘India,’ where they have a son, Prester John. Many details are cleared up in the last scene at the Grail castle. Anfortas declares his intention of pursuing a life of chastity and humility, even though he has been rejuvenated. Trevrizent, who joins their company, tells Parzival that the neutral angels were in fact damned; he had left the matter in doubt only to encourage Parzival.

A brief account of the future adventures of Parzival’s son, Lohengrin, follows. Wolfram then concludes his story. He denies that Chrétien de Troyes told the Grail story correctly and again affirms that his source was Kyot.

(827) Wenn Meister Chrétien de Troyes / dieser Geschichte Unrecht tat, / so ist Kyot mit Recht empört: / die echte Fassung stammt von ihm.

(5) Der Provenzale erzählt genau, / wie Herzeloydes Sohn den Gral errang / (so war ihm das bestimmt), / nachdem Anfortas ihn verwirkt hat. / Aus der Provence in deutsche Lande

(10) kam die wahre Geschichte zu uns—/ auch der Endpunkt des Romans. / Ich will euch jetzt nicht mehr erzählen, / ich, Wolfram von Eschenbach, / als der Meister dort erzählt hat.

222 Wolfram von Eschenbach: Parzival

 
15 sîniu kint, sîn hôch geslehte 15 
hân ich iu benennet rehte, 
Parzivâls, den ich hân brâht 
dar sîn doch sælde hete erdâht. 
swes lebn sich sô verendet, 
20 daz got niht wirt gepfendet 20 
der sêle durch des lîbes schulde, 
und der doch der werlde hulde 
behalten kan mit werdekeit, 
daz ist ein nütziu arbeit. 
25 guotiu wîp, hânt die sin, 25 
deste werder ich in bin, 
ob mir decheiniu guotes gan, 
sît ich diz mær volsprochen hân. 
ist daz durh ein wîp geschehn, 
diu muoz mir süezer worte jehn.
 
Szene aus "Parzival" (Handschrift G, 1228-1236)
 
Wolfram von Eschenbach: Parzival 223
 
 

(15) Parzivals Herkunft, seine Söhne / habe ich euch vorgestellt; / ich führte ihn zum Punkt, den ihm / das Heil zuletzt doch zugedacht. / Wenn man sein Leben so beschließt, / daß die Seele nicht schuldig wird

(20) und Gott entrissen werden kann, / und wenn man sich die Gunst der Welt / erhält, und dabei würdig bleibt, / so hat die Mühe sich gelohnt.

(25) Edle Frauen mit Verstand / schätzen mich jetzt höher ein/ (sofern mir eine Gutes gönnt), / weil ich dies Werk vollendet habe. / Ist dies für eine Frau geschehn, / so muß sie sagen: Schön erzählt!
 
 

Walther von Klingen [Damen beim Turnier](1310-1330)
 


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