368 Märendichtung: Das Schneekind

 

Das Schneekind

Ez het ein koufman ein wîp,
diu was im liep als der lîp.
Er wære ir liep, des jach ouch sie:
ie doch gewan ir herze nie
5 Dîe wârheit darinne; 5
daz wâren valsche minne.
Ez geschach bî einen zîten,
niht langer wolde er bîten,
Von sînem hûse vuor er
10 mit koufe durch gewinnes ger. 10
Er huop sich ûf des meres vluot.
als noch manik koufman tuot.
Dô kom er in ein vremdez lant,
da er guoten kouf inne vant.
15 Er beleip durch gewinne 15
driu jâr darinne,
Daz er nie wider heim kam,
unz daz vierde jâr ende nam.
Sîn wîp in minneklîche enpfienk:
20 ein kindelîn mitsamt ir gienk. 20
Dô vrâgtí er der mære,
wes daz kint wære?
[Si sprach:] "herre, mich geluste dîn,
dô gieng ich in mîn gertelîn:
25 Des snêwes warf ich in den munt, 25
dô wurden mir dîn minne kunt,
Do gewan ich dizze kindelîn:
ze mînen triuwen, ez ist dîn."ó
Jâ mahtu vil wol wâr hân;
30 wir suln ez ziehen." sprach der man. 30
Erní brâhte si des inne,
daz er valscher minne
An ir was worden gewar,
unz dar nâch (wol) über zehen jâr.
35 Er lêrtez kint understunden 35
mit hebechen und mit hunden,
Schâchzabel, und mit vederspil
maneger hant vröude vil,
Mit zühte sprechen [und] swîgen,
40 herpfen, rotten [und] gîgen 40
Und aller hande seit spil,
Märendichtung: Das Schneekind 369
 
 
Das Schneekind

The origins of the anonymous Das Schneekind go back to the tenth and eleventh century Latin story "Modus Liebinc," where the hero of the story is already referred to as ĎSuevulus,í i.e. a Swabian from Konstanz.

Ein Kaufmann hatte eine Frau, die er wie sein Leben liebte. Auch sie behauptete, ihn zu lieben, doch war das nicht die Wahrheit ihres Herzens;

(5) ihre Liebe war geheuchelt. Nun geschah es einmal, daß der Mann nicht länger zu Hause bleiben wollte und sich in der Hoffnung

(10) auf Gewinn auf eine Handelsreise begab. Er fuhr über das weite Meer, wie das ja viele Kaufleute tun, und gelangte endlich in ein fremdes Land, wo er günstige Geschäftsbedingungen vorfand.

(15) Drei Jahre blieb er dort, um Geld zu machen, und erst am Ende des vierten kehrte er wieder in die Heimat zurück. Seine Frau empfing ihn liebevoll

(20) mit einem kleinen Kind an der Hand. Da wollte er wissen, von wem denn das Kind stamme, und die Frau antwortete ihm: "Einmal, mein Gebieter, hatte ich Sehnsucht nach dir. Da ging ich hinaus in den Garten

(25) und steckte ein wenig Schnee in den Mund. Da berührte mich deine Minne, und ich empfing dieses Kindlein. Bei meiner Treue, es ist dein Kind." "Damit kannst du schon recht haben", sagte der Mann darauf,

(30) "wir wollen es großziehen." Er ließ sie aber nicht merken, daß er ihre heuchlerische Liebe durchschaut hatte, bis zehn Jahre vergangen waren.

(35) Nun ließ er das Kind unterweisen in der Jagd mit Habichten und Hunden, im Schachspiel und in der Beizjagd,1 dazu in vielen anderen Spielen, lehrte es auch mit Anstand reden und schweigen,

(40) Harfe, Rotte2 und Geige spielen, und was es sonst noch an Saiteninstrumenten gibt

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und ander kurzwîle vil.
Er gebôt daz sîn knehte
diu schef bereitten rehte
45 Mit spîse nâch dem altem site. 45
des snêwes sun vuorte er mite.
Er huop sich ûf daz wilde mer.
die unde sluogen in entwer:
Si sluogen in in ein schúne lant,
50 da er einen rîchen koufman vant. 50
Der vrâgte in der mære,
wâ sîn koufschaz wære.
Des snêwes sun wart vür gestalt.
mit [drîn] hundert marken er in galt;
55 Daz was ein grôzer rîchtuom. 55
ouch hete er des vil grôzen ruom,
Daz er daran niht was betrogen,
daz er daz göuchel hæte gezogen.
Der schaz brâhtí im in sînen gewalt,
60 daz ime zwir als vil galt. 60
Nu beleip er niht langer dâ,
mit vröuden vuor er heim sâ.
Sîn hûsvrouwe gein im gienk,
minneklîche sin enpfienk.
65 Si vrâgte in: wâ ist daz kint?" 65
er sprach: mich sluok der wint
Beidiu hin unde her
ûf dem wildem mer entwer:
Dô wart daz kint naz dâ
70 und wart ze wazzer ie sâ; 70
Wande ich het von dir vernomen,
daz er von snêwe wære bekomen.
Ist aber wâr, deich húre sagen,
sone darft duín nimmer geklagen,
75 Dehein wazzer vlieze (sô) sêre, 75
ez(ní) habe (die) widerkêre
Innerthalbe jâres vrist,
zem ursprink, danne ez komen ist:
Sô solt ouch dû gelouben mir,
80 ez vliuzet schiere wider ze dir. 80
Sus hete er widernüllet,
daz er was betrüllet.
Swelch man sich des bedenket,
ob in sîn wîp bekrenket,
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oder an unterhaltsamen Beschäftigungen. Dann aber befahl er eines Tages seinen Knechten, die Schiffe

(45) mit Speise zu versehen wie früher. Das Schneekind nahm er mit. Er befuhr wiederum das wilde Meer, und die Wellen warfen ihn hierhin und dorthin und verschlugen ihn endlich in ein schönes Land,

(50) wo er einen reichen Kaufmann traf. Der fragte ihn gleich, was er zu verkaufen habe. Da wies man ihm das Schneekind, und er bezahlte dreihundert Mark dafür;

(55) das war eine große Summe. Außerdem mehrte es das Ansehen unseres Kaufherrn beträchtlich, daß er sich nicht damit verrechnet hatte, den kleinen Bastard aufzuziehen. Der Kaufpreis, den er für ihn bekam,

(60) betrug das Doppelte seiner Aufwendungen.3 Jetzt blieb er nicht länger, sondern fuhr vergnügten Sinns sogleich nach Hause. Seine Gattin ging ihm entgegen und grüßte ihn zärtlich.

(65) Dann aber fragte sie: "Wo ist das Kind geblieben?", und er erwiderte: "Der Wind hat mich hierhin und dorthin getrieben, kreuz und quer über das wilde Meer. Dabei wurde das Kind naß

(70) und ist gleich wieder in Wasser zerlaufen. Du hast mir ja gesagt, daß du es vom Schnee empfingst. Wenn du mir damit die Wahrheit erzählt hast, so darfst du jetzt nicht das Kind bejammern.

(75) Es gibt ja kein Wasser, wie sehr es auch fließe, das nicht innerhalb Jahresfrist zu dem Ursprung zurückkehrt, aus dem es herstammt. Du darfst mir also glauben,

(80) daß auch das Schneekind wieder in dich zurückfließt." So rächte sich der Kaufmann dafür, daß er betrogen worden war. Ein Mann, der, wenn ihn seine Frau betrügt, darauf sinnt,

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85 Daz er den schaden (wider) stürze 85
un mit listen liste lürze,
Daz ist ein michel wîsheit;
wan diu wîp hânt mit karkeit
Vil manegen man überkomen,
als ir ê dikke habt habt vernomen.

Konstanz (1493)
 

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(85) wie er den Schaden wieder gutmachen und der List mit einer zweiten begegnen kann, beweist große Klugheit, denn die Frauen haben mit ihrer Durchtriebenheit4 schon viele Männer hintergangen, wie euch sattsam bekannt ist.

"Kaufleute" (1484)