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Gottfried von Straßburg: Tristan 261
 
The emotion of joy mixed with sorrow persists. In an attempt to keep their love secret, Tristan and Isolde persuade Brangäne to substitute for Isolde on the wedding night in order to conceal from the King the fact that Isolde was no longer a virgin. Marke is thoroughly deceived. Later, in panic, Isolde plots to have Brangäne killed by some huntsmen. She repents, however, and is relieved when she finds out that the men failed to accomplish the deed.

An Irish minstrel called Gandin had slyly tricked Marke into granting him anything he possessed for playing the rote (ll. 13190-13196). Subsequently, Gandin claims Isolde, but Tristan rescues the Queen. A series of trysts follows, arranged by Brangäne. These meetings, which lead to growing suspicion, are thwarted by Marke’s courtiers. Finally, the dwarf Melot strews flour between the beds of the two lovers after Marke has announced that he will be away. Tristan leaps over the flour but he had recently been bled and leaves traces of blood. He flees the court, and Isolde is forced to defend her honor by undergoing the ordeal of the hot iron.23 She arranges for Tristan, who is disguised as a pilgrim, to carry her from the ship and fall with her on the sand (ll. 15586-15606). Thus she can swear truthfully that she has lain in the arms of no man but those of the King and the ‘pilgrim.’

Apparent harmony is restored. For reasons not disclosed by Gottfried, Tristan leaves for Wales where he stays with Duke Gilan. Tristan, still in exile, sends Isolde the little dog Petitcrü24—won from Gilan for his defeat of the giant Urgan—to delight her with the music of the magic bell tied around its neck. She tears off the bell, refusing to be happy while Tristan is not. Tristan comes back to court, but soon suspicions arise again, and this time the lovers are banished. They go to a cave of love, the so-called «Minnegrotte», which Tristan had discovered, a place of great beauty but cut off from civilization by treacherous mountains. Here they reach the pinnacle of their love. The grotto symbolizes the perfection of their mystical and sensual passion, and Gottfried describes it in allegorical terms.
262 Gottfried von Straßburg: Tristan

 
 

 
Nune sol iuch niht verdriezen, 
ir enlât iu daz entsliezen, 
16925 durch welher slahte meine 16925 
diu fossiure in dem steine 
betihtet wære, als si was. 
si was, als ich iezuo dâ las, 
sinewel, wît, hôch, und ûfreht, 
16930 snêwîz, alumbe eben unde sleht. 16930 
diu sinewelle binnen 
daz ist einvalte an minnen. 
einvalte zimet der minne wol, 
diu âne winkel wesen sol. 
16935 der winkel, der an minnen ist, 16935 
daz ist âkust unde list. 
diu wîte deist der minnen craft, 
wan ir craft ist unendehaft. 
diu hœhe deist der hôhe muot, 
16940 der sich ûf in diu wolken tuot. 16940 
dem ist ouch nihtes ze vil, 
die wîle er sich gehaben wil 
hin ûf, dâ sich der tugende gôz 
ze samene welbet an ein slôz. 
16945 so gevælet ouch daz niemer, 16945 
die tugende dien sîn iemer 
gesteinet unde gewieret, 
mit lobe alsô gezieret, 
daz wir, die nidere sîn gemuot, 
16950 der muot sich allez nider tuot 16950 
und an dem esterîche swebet, 
der weder swebet noch enclebet. 
wir kapfen allez wider berc 
und schouwen oben an daz werc, 
16955 daz an ir tugenden dâ stât, 16955 
daz von ir lobe her nider gât, 
die ob us in den wolken swebent 
und uns ir schîn her nider gebent. 
die kapfe wir ze wunder an. 
16960 hie wahsent uns die vedern van, 16960 
von den der muot in vlücke wird, 
vliegende lob nâch tugenden birt. 
Diu want was wîz, eben unde sleht. 
daz ist der durnehte reht.
 
Gottfried von Straßburg: Tristan 263

 

Es soll Euch jetzt nicht verstimmen, / wenn Ihr Euch erklären laßt,

(16925) aufgrund welcher Bedeutung / die Höhle in dem Felsen / so gestaltet war, wie sie es war. / Sie war, wie ich schon sagte, / rund, weit, hoch und steil,

(16930) schneeweiß, überall eben und glatt. / Die Rundung innen / bedeutet die Einfachheit der Liebe. / Einfachheit paßt gut zur Liebe, die ohne Winkel sein soll.

(16935) Wenn Winkel an der Liebe sind, / sind es Betrug und Tücke. / Die Weite bezeichnet die Kraft der Liebe, / denn ihre Kraft ist unbegrenzt. / Die Höhe steht für die Hochstimmung des Gemüts,

(16940) das sich in die Wolken emporhebt.25 / Ihm ist nichts zu schwer, / solange es sich emporheben will, / dorthin, wo das Abbild der Vollkommenheit / sich zur Gipfelkrone aufwölbt.

(16945) So kann es denn nicht ausbleiben: / Die Vollkommenheit ist stets / mit Edelsteinen geschmückt / und mit Lob so sehr verziert, / daß wir, die wir nicht hochgestimmt sind,

(16950) deren Gesinnung vollständig niedersinkt / und am Boden liegt, / ohne aufzusteigen oder sich zu lösen, / daß wir alle emporblicken / und oben das Werk betrachten,

(16955) das durch ihre Vollkommenheit dort entstanden ist, / das zu uns herabkommt zum Lobe derer, / die über uns in den Wolken schweben / und zu uns herabstrahlen; / sie staunen wir verzückt an.

(16960) Daraus wachsen uns die Flügel, / mit denen der Sinn sich aufschwingt / und im Fluge die Vollkommenheit preist. / Die Wand war weiß, glatt und eben. / Das ist das Wesen der Lauterkeit.

 

264 Gottfried von Straßburg: Tristan

 
 

 
16965 der wîze und ir einbære schîn 16965 
dern sol niht missemâlet sîn. 
an ir sol ouch kein arcwân 
weder bühel noch gruobe hân. 
der marmelîne esterîch 
16970 der ist der stæte gelîch 16970 
an der grüene und an der veste. 
diu meine ist ime diu bete 
von varwe und von slehte. 
diu stæte sol ze rehte 
16975 ingrüene sîn reht alse gras, 16975 
glat unde lûter alse glas. 
Daz bette inmitten inne 
der cristallînen minne, 
daz was vil rehte ir namen benant. 
16980 er hæte ir reht vil rehte erkant, 16980 
der ir die cristallen sneit 
z’ir legere und z’ir gelegenheit. 
diu minne sol ouch cristallîn, 
durchsihtic und durchlûter sîn. 

16985 Innen an der êrînen tür 16985 
dâ giengen zwêne rigele vür. 
ein valle was ouch innen 
mit kündeclîchen sinnen 
hin ûz geleitet durch die want, 
16990 aldâ s’ouch Tristan dâ vant. 16990 
die meisterte ein heftelîn, 
daz gie von ûzen dar în 
und leite sî dar unde dan. 
noch slôz noch slüzzel was dar an 
16995 und wil iu sagen umbe waz. 16995 
dane was niht slôzes umbe daz: 
swaz man gerüstes vür die tür 
(ich meine ûzerhalp dervür) 
ze rûme oder ze slôze leit, 
17000 daz tiutet allez valscheit. 17000 
wan swer zer minnen tür în gât, 
den man von innen niht în lât, 
daz enist der minnen niht gezalt, 
wan daz ist valsch oder gewalt. 
17005 durch daz ist dâ der Minnen tor, 17005 
diu êrîne tür vor,

 
Gottfried von Straßburg: Tristan 265

 

(16965) Ihre ganz und gar weiße Helligkeit / darf nicht durch Farben getrübt werden. / An ihr soll der Argwohn / weder Hügel noch Graben finden. / Der marmorne Fußboden

(16970) gleicht der Beständigkeit / in seiner ewig grünen Festigkeit. / Diese Bedeutung paßt am besten zu ihm / wegen seiner Farbe und Art. / Die Beständigkeit muß wahrlich

(16975) so grün sein wie das Gras, / so eben und klar wie Glas. / In der Mitte das Bett / der kristallenen Liebe / trug seinen Namen zu Recht.

(16980) Derjenige kannte ihre Eigenart ganz genau, / der den Kristall zurechtschnitt / zu ihrer Bequemlichkeit und Pflege. / Die Liebe soll ja auch kristallklar, / durchsichtig und ganz lauter sein.

 

Innen an der ehernen Tür
(16985) waren zwei Riegel angebracht. / Im Inneren war auch ein Schnappschloß / kunstvoll / durch die Wand verlegt,

(16990) wo Tristan es vorfand. / Es wurde von einer Klinke betätigt, / die von außen hineinführte / und es öffnete und schloß. / Es gab dort weder Schloß noch Schlüssel,

(16995) und ich will Euch sagen, warum. / Da war kein Schloß, / denn was für Vorrichtungen man auch an der Tür / (ich meine außerhalb) / zum Öffnen oder Schließen anbringt,

(17000) es bedeutet doch alles Falschheit. / Denn wenn einer das Tor der Liebe durchschreitet, / ohne daß man ihn von innen einläßt, / dann gilt das nicht als Liebe, / sondern es ist Falschheit und Gewalt.

(17005) Deswegen ist dort das Tor der Liebe, / die eherne Pforte davor,

266 Gottfried von Straßburg: Tristan
 

 
  
die nieman kan gewinnen, 
ern gewinne sî mit minnen. 
ouch ist si durch daz êrîn, 
17010 daz kein gerüste müge gesîn 17010 
weder von gewalte noch von craft, 
von liste noch von meisterschaft, 
von valscheite noch von lüge, 
dâ mite man sî verscherten müge. 
17015 und innen ietweder rigel, 17015 
ieweder minnen insigel 
daz was zem andern gewant 
ietwederhalben an der want. 
und was der einez cêderîn, 
17020 daz ander helfenbeinîn. 17020 
nu vernemet die tiute ir bêder: 
daz eine insigel der cêder 
daz meinet an der minne 
die wîsheit und die sinne; 
17025 daz von dem helfenbeine 17025 
die kiusche und die reine. 
mit disen zwein insigelen, 
mit disen reinen rigelen 
sô ist der Minnen hûs bewart, 
17030 valsch unde gewalte vor bespart. 17030 
Daz tougenlîche heftelîn, 
daz von ûzen hin în 
zer vallen was geleitet hin, 
daz was ein spinele von zin. 
17035 diu valle was von golde, 17035 
als sî ze rehte solde. 
valle unde haft, diz unde daz, 
diu enmohten beidiu niemer baz 
an ir eigenschaft sîn brâht. 
17040 daz zin daz ist diu guote andâht 17040 
ze tougenlîchem dinge. 
daz golt daz ist diu linge. 
zin unde golt sint wol hier an. 
sîn andâht mag ein ieclîch man 
17045 nâch sînem willen leiten, 17045 
smalen oder breiten, 
kürzen oder lengen, 
vrîen oder twengen 
sus oder sô, her oder hin
 
Gottfried von Straßburg: Tristan 267

 

die niemand überwinden kann, / es sei denn aus Liebe. / Sie ist auch deshalb aus Erz,
(17010) damit es kein Gerät geben könne, / womit man sie, durch Gewalt oder Kraft, / durch Schlauheit oder Können, / durch Betrug oder Lüge / etwa beschädigen könnte.

(17015) Im Inneren die beiden Riegel, / jeder von ihnen ein Siegel der Liebe, / waren einander zugewandt / von beiden Seiten der Wand. / Der eine war aus Zedernholz,

(17020) der andere aus Elfenbein. / Hört nun ihre Auslegung: / Das Zedernsiegel / bedeutet in der Liebe / die Weisheit und den Verstand,

(17025) das aus Elfenbein / Keuschheit und Reinheit. / Mit diesen beiden Siegeln, / mit diesen makellosen Riegeln / ist das Haus der Liebe26 geschützt

(17030) und der Falschheit und Gewalt versperrt. / Die verborgene Klinke, / die von außen / zu dem Schnappschloß führte, / war eine zinnerne Stange,27

(17035) das Schloß selbst war aus Gold, / wie es ihm zukam. / Schloß und Klinke / hätten beide niemals besser / in ihrer Eigenheit betont werden können.

(17040) Das Zinn versinnbildlicht das ständige Streben / nach dem Geheimnis der Liebe. / Das Gold bezeichnet die Erfüllung. / Zinn und Gold passen hier sehr gut. / Jeder kann sein Streben

(17045) nach seinem Willen gestalten, / verengen und verbreitern, / verkürzen oder verlängern, / befreien oder einzwängen, / so oder so, hin oder her,

268 Gottfried von Straßburg: Tristan

 
 

 
17050 mit lîhter arbeit alse zin 17050 
und ist dâ lützel schaden an. 
swer aber mit rehter güete kan 
ze minnen wesen gedanchaft, 
den treit binamen dirre haft 
17055 von zine, dem swachen dinge, 17055 
ze guldîner linge. 
und ze lieber âventiure. 

Obene in die fossiure 
dâ wâren niwan driu vensterlîn 
17060 schône unde tougenlîchen în 17060 
gehouwen durch den ganzen stein, 
dâ diu sunne hin în schein. 
der einez ist diu güete, 
daz ander diemüete, 
17065 daz dritte zuht. ze disen drîn 17065 
dâ lachet in der süeze schîn, 
diu sælige gleste, 
êre, aller liehte beste 
und erliuhtet die fossiure 
17070 werltlîcher âventiure. 17070 
ouch hât ez guote meine, 
daz diu fossiure als eine 
in dirre wüesten wilde lac, 
daz man dem wol gelîchen mac, 
17075 daz minne und ir gelegenheit 17075 
niht ûf die strâze sint geleit 
noch an dekein gevilde. 
sie lôschet in der wilde, 
z’ir clûse ist daz geverte 
17080 arbeitsam unde herte. 17080 
die berge ligent dar umbe 
in maneger swæren crumbe 
verirret hin unde wider. 
die stîge sint ûf unde nider 
17085 uns marteræren allen 17085 
mit velsen sô vervallen. 
wir engân dem pfade vil rehte mite, 
verstôze wir an eime trite, 
wir enkomen niemer mêre 
17090 ze guoter widerkêre. 17090 
swer aber sô sælic mac gesîn,

 
Gottfried von Straßburg: Tristan 269

 

(17050) ohne große Mühe, so wie Zinn, / und es schadet nicht. / Wer aber in der richtigen Weise / nach der Liebe streben kann, / den führt gewiß diese Klinke

(17055) aus Zinn, dem wertlosen Metall, / zu goldenem Erfolg / und angenehmem Erlebnis.

 

Oben in der Grotte / waren nur drei kleine Fenster

(17060) schön und verborgen / durch das Gestein gehauen worden, / durch welche die Sonne hereinschien. / Das eine war die Güte, / das andere die Demut

(17065) und das dritte vornehmes Betragen. Durch diese drei / lachte der Sonnenschein, / der beglückende Glanz herein: / die Ehre, das strahlendste Licht, / und erleuchtete diese Höhle / weltlichen Glücks.

(17070) Es hat auch seinen guten Sinn, / daß die Grotte einsam / in dieser wüsten Wildnis lag. / Damit kann man durchaus vergleichen,

(17075) daß die Liebe und ihre Gegebenheiten / nicht auf der Straße liegen / oder irgendwo auf dem freien Felde.

In what follows, Gottfried explains the significance of the fact that the grotto was surrounded by wilderness, and then adds that getting there is arduous and difficult—one wrong step and the wilderness swallows the lover:

Sie liegt verborgen in der Wildnis; / zu ihrer Höhle ist der Weg

(17080) mühselig und schwer. / Die Berge liegen um sie herum / in vielen steilen Krümmungen, / hier und da verstreut. / Die Wege hinauf und hinunter sind

(17085) für uns Leidende alle / mit Felsbrocken versperrt, / daß wenn wir dem Weg nicht genau folgen, / wenn wir einen einzigen falschen Tritt tun, / wir niemals wieder

(17090) glücklich zurückkehren. / Wer jedoch so glücklich ist,

270 Gottfried von Straßburg: Tristan

 
 

 
daz er zer wilde kumet hin în, 
der selbe hât sîn arbeit 
vil sæleclîchen an geleit. 
17095 der vindet dâ des herzen spil. 17095 
swaz sô daz ôre hœren wil 
und swaz dem ougen lieben sol, 
des alles ist diu wilde vol. 
sô wære er ungern anderswâ. 

17100 Diz weiz ich wol, wan ich was dâ. 17100 
ich hân ouch in der wilde 
dem vogele unde dem wilde, 
dem hirze unde dem tiere 
über manege waltriviere 
17105 gevolget unde nâch gezogen 17105 
und aber die stunde alsô betrogen, 
daz ich den bast noch nie gesach. 
mîn arbeit und mîn ungemach 
daz was âne âventiure. 
17110 ich vant an der fossiure 17110 
den haft und sach die vallen. 
ich bin ze der cristallen 
ouch under stunden geweten. 
ich hân den reien getreten 
17115 dicke dar und ofte dan. 17115 
ine geruowet aber nie dar an. 
und aber den esterîch dâ bî, 
swie herte marmelîn er sî, 
den hân ich sô mit triten zebert: 
17120 hæte in diu grüene niht ernert, 17120 
an der sîn meistiu tugent lît, 
von der er wahset alle zît, 
man spurte wol dar inne 
diu wâren spor der minne. 
17125 ouch hân ich an die liehten want 17125 
mîner ougen weide vil gewant 
und hân mich oben an daz gôz, 
an daz gewelbe und an daz slôz 
mit blicken vil gevlizzen, 
17130 mîner ougen vil verslizzen 17130 
an der gezierde dar obe, 
diu sô gestirnet ist mit lobe. 
diu sunnebernde vensterlîn,

 
Gottfried von Straßburg: Tristan 271

 

daß er in diese Wildnis gelangt, / der hat seine Mühe / glückbringend eingesetzt
(17095) und findet dort seines Herzens Freude. / Was immer das Ohr hören will / und das Auge ergötzt, / von all dem ist diese Wildnis voll. / Dann möchte er gar nicht woanders sein.

 

(17100) Das weiß ich genau, denn ich war dort.28 / Auch ich bin in der Wildnis / den Vögeln und den Tieren des Waldes, / dem Hirsch und dem Reh, / durch viele Waldgegenden

(17105) gefolgt und nachgegangen, / habe jedoch meine Zeit vergeudet / und niemals etwas erlegt.29 / Meine Mühen und Anstrengungen / waren glücklos.

(17110) Ich fand bei der Höhle / die Klinke und sah das Schnappschloß. / Ich bin auch zu dem Kristall / bisweilen gegangen. / Tanzend bin ich oft gesprungen

(17115) dorthin und wieder fort. / Niemals aber habe ich darauf geruht. / Aber den Boden in der Nähe, / aus wie hartem Marmor er auch war, / den habe ich so zertreten,

(17120) daß, wenn ihn seine grüne Farbe nicht geschützt hätte, / die sein größter Vorzug ist / und durch die er stets wächst, / man auf ihm wohl wahrnehmen könnte / die Spur der wahrhaftigen Liebe.

(17125) Auch habe ich an der strahlend hellen Wand / häufig meine Augen geweidet. / Oft habe ich an die Gewölbekrone, / die Kuppel und den Schlußstein / aufmerksam meine Blicke geheftet

(17130) und meine Augen abgenutzt / an dem Schmuck dort oben, / der so mit Lob besternt30 ist. / Die sonnenspendenden Fensterchen

272 Gottfried von Straßburg: Tristan

 

 
diu habent mir in daz herze mîn 
17135 ir gleste dicke gesant. 17135 
ich hân die fossiure erkant 
sît mînen eilif jâren ie 
und enkam ze Curnewâle nie. 

Diu getriuwe massenîe, 
17140 Tristan und sîn amîe 17140 
si hæten in der wilde 
ze walde und ze gevilde 
ir muoze und ir unmuoze 
besetzet harte suoze. 
17145 si wâren z’allen zîten 17145 
ein ander an der sîten. 
des morgens in dem touwe 
sô slichen sî zer ouwe, 
dâ beide bluomen unde gras 
17150 mit dem touwe erküelet was. 17150 
diu küele prâerîe 
was danne ir banekîe. 
dâ giengen sî her unde hin 
ir mære sagende under in 
17155 und loseten mit dem gange 17155 
dem süezen vogelsange. 
sô danne nâmen s’ainen swanc, 
hin dâ der küele brunne clanc, 
und loseten sînem clange, 
17160 sînem sliche und sînem gange. 17160 
dâ er hin ûf die plaine gie, 
da gesâzen sî durch ruowen ie, 
dâ loseten sî dem duzze 
und warteten dem vluzze 
und was daz aber ir wunne. 
[...] 
17405 sie giengen an ir bette wider 17405 
und leiten sich dâ wider nider 
von ein ander wol hin dan 
reht alse man unde man, 
niht alse man unde wîp. 
[...] 
17412 ouch hæte Tristan geleit 17412 
sîn swert bar enzwischen sî. 
[...]

 
Gottfried von Straßburg: Tristan 273

 

haben mir in mein Herz / oft ihren Glanz gesandt.
(17135) Ich kenne diese Grotte / schon seit meinem elften Lebensjahr / und war trotzdem nie in Cornwall.

 

Die getreue Gesellschaft, / Tristan und seine Liebste,
(17140) hatte in der Wildnis / der Wälder und Felder / ihre Zeiten der Ruhe und Arbeit / sehr angenehm eingerichtet:

(17145) Stets waren sie / einander zur Seite. / Morgens im Tau / lustwandelten sie zur Aue, wo die Blumen und das Gras

(17150) vom Tau gekühlt waren. / Die kühle Wiese / diente ihnen dann zur Erholung. / Dort gingen sie auf und ab, / redeten dabei miteinander

(17155) und lauschten beim Gehen / dem lieblichen Vogelsang. / Dann wandten sie sich um, / dorthin, wo die kühle Quelle rauschte, / und sie lauschten ihrem Rauschen,

(17160) ihrem Plätschern und Fließen. / Dort, wo sie zur Ebene hinaustrat, / setzten sie sich immer zum Ausruhen hin. / Dort hörten sie ihrem Rauschen zu, / beobachteten ihr Strömen / und freuten sich immer wieder daran.

 

In the grotto the two lovers pass their time in storytelling and musical pursuits. One of Marke’s huntsmen finally discovers them by looking through one of the openings of the grotto. He calls Marke. It should be pointed out that Tristan and Isolde had anticipated their discovery and decided to bed down not as man and woman but as men:

(17405) Sie gingen wieder zu ihrem Bett / und legten sich dort nieder, / voneinander entfernt, / ganz so wie zwei Männer, / aber nicht wie Mann und Frau.

[...]

(17412) Zudem hatte Tristan gelegt / sein bloßes Schwert zwischen sie.

274 Gottfried von Straßburg: Tristan

 

 
"Isôte lîp, Isôte leben 
18530 diu sint bevolhen unde ergeben 18530 
den segeln unde den winden. 
wâ mac ich mich nu vinden? 
wâ mac ich mich nu suochen, wâ? 
nu bin ich hie und bin ouch dâ 
18535 und enbin doch weder dâ noch hie. 18535 
wer wart ie ouch sus verirret ie? 
wer eart ie sus zerteilet mê? 
ich sihe mich dort ûf jenem sê 
und bin hie an dem lande."
 
Gottfried von Straßburg (1310-1330)
 

Gottfried von Straßburg: Tristan 275

 

 

However, neither the huntsman nor Marke was fooled. Yet, when the King sees them lying separated by Tristan’s sword, he is deeply moved by the sight, and his passion for Isolde flares anew. The lovers are recalled to court, but before very long, the King finds them in a garden, sleeping together. Tristan flees and after a visit to his father’s territories, he joins Kaedin in Arundel. There Isolde of the White Hands, Kaedin’s sister, is attracted to him, and Tristan, in his loneliness, is reminded by her of the beauty of Isolde. His affection for her strikes us as pathetic since the sight of her keeps fuelling the pain of separation in him. He derives pleasures from this ambivalence (ll. 18965-18992), thus echoing Isolde’s earlier confusion following Tristan’s departure:

"Isoldes Leib und Leben
(18530) sind befohlen und ausgeliefert / den Segeln und dem Wind. / Wo kann ich mich nun finden? / Wo kann ich mich nun suchen, wo? / Jetzt bin ich hier und dort

(18535) und bin trotzdem weder dort noch hier. / Wer war jemals so verwirrt? / Wer war jemals so zerrissen? / Ich sehe mich dort auf dem Meer / und bin doch hier an Land."

Gottfried’s poem breaks off at l. 19548. We know from Thomas of Brittany that Tristan marries Isolde of the White Hands, that he does not consummate the marriage for a long time, and that he takes along Kaedin to see the first Isolde to explain his feelings. Subsequently, Tristan receives a wound that only Isolde can cure. She is summoned, but Isolde of the White Hands, prompted by jealousy, tells Tristan that the returning ship carries a black sail?the prearranged sign that Isolde has refused to come. Tristan dies, and Isolde, arriving too late to save him, falls dead upon his body. Finally, in the prose novel of Tristrant und Isalde of 1484, the two lovers are buried side by side, and a rose is planted on top of Isolde’s grave and a grape vine on Tristan’s. After a while, the rose and the grape vine become intertwined, not miraculously, but still as a result of the love potion, "auß würckung vnd krafft des getranckes" (l. 5168).31

"Tristrant und Isalde" [Begraebnis Tristan und Isoldes]
 


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